Abstract

Eine weitere “Totenbuchübersetzung”: Unter dieser Gattungsbezeichnung wird Stephen Quirkes umfangreiche Präsentation des Totenbuchs und seiner Texte wohl gemeinhin firmieren, in einer Reihe mit den bekannten “Totenbuchübersetzungen” von Barguet, Faulkner, Allen, Hornung und weiteren. 1 Und wie schon jene auf sehr unterschiedlichen Wegen versucht haben, erhebt auch das hier zu besprechende Buch einen weiter gefassten Anspruch, in diesem Fall durch den Untertitel “translation, sources, meanings” explizit gemacht. Durch Hinweise zu Quellen und Bedeutung des Totenbuchs soll der Zugang zu den ohne weitere Erläuterungen nur sehr begrenzt verständlichen Texten erleichtert werden. Der Rezensent sieht sich damit weniger die Aufgabe gestellt, die “Qualität(en)” der Übersetzungen, hier aus dem Ägyptischen ins Englische, zu beurteilen und die dabei begangenen Fehler zu korrigieren. Eher stellt sich angesichts mehrerer englischer und weiterer Tb-Übersetzungen von unbestrittenem philologischen Niveau grundsätzlich die Frage nach dem Nutzen jeder neuen kommentierten Übersetzung mit Einführung—also anders formuliert: Was bietet sie in der Übertragung des Originaltexts und den zugehörigen Erläuterungen ihren Lesern an, das frühere “Totenbuchübersetzungen” noch nicht angeboten haben? Die grundsätzliche Antwort auf diese Frage sei schon einmal vorweggenommen: eine ganze Menge, und mit einer entsprechend positiven Grundhaltung möchte ich die folgende Darstellung dessen, was das Buch will und kann (und was dafür weniger), verstanden wissen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt, und hier verspricht der Untertitel nicht zu viel, auf mehr Nähe zu den Quellen, also den unzähligen und sehr verschiedenen Totenbüchern. Der Anspruch hinter dem Stichwort “sources” beinhaltet nicht nur den obligaten mehr oder weniger ausführlichen Überblick über die Entwicklung der Totenbuch-Papyri oder die Benennung der Textgrundlage für die Übersetzung jedes Totenbuch-Spruchs. Vielmehr kann als ein, wenn nicht das zentrale Anliegen des Buchs gelten, den Blick mehr als bisher von einer immer gleichen modernen Folge nummerierter Texte und der damit verbundenen Illusion eines festen Textkorpus auf die Vielfalt der individuellen Handschriften und die kulturelle Praxis ihrer immer neuen Konzipierung zu lenken. Dies geschieht zunächst in der Einleitung (S. vii–xxix). Sie beginnt mit knappen einführenden und grundsätzlichen Hinweisen, aus denen gleich zu Beginn die Erläuterung des modernen Begriffs “Totenbuch” sowie die Betonung des Ursprungs der gesamten altägyptischen Totenliteratur im Bestattungsritual (S. viii) hervorgehoben seien. Die folgenden Kapitel zur Einteilung des Totenbuchs in “Kapitel” (S. viii–ix) sowie zur Erklärung der Spruchsequenz der einzelnen Handschriften als “liturgical unity or random compilation” (S. ix–x) leiten bereits zur folgenden historischen Darstellung über. Diese zeichnet dann die Entwicklungslinien insbesondere anhand charakteristischer Spruchsequenzen nach, beginnend mit dem verschollenen Sarg der Königin Mentuhotep (S. x) und (natürlich) endend mit der “Late Period sequence” (S. xiii–xiv). Klarer als bisher wird dabei zwischen dem Aufkommen typischer Totenbuch-Textsequenzen schon in der Zweiten Zwischenzeit und frühen 18. Dynastie sowie dem Erscheinen der typischen mit Vignetten versehenen “Totenbücher” während der Regierungszeit Thutmoses III. differenziert. Gegenüber dieser für eine Einführung erfreulich differenzierten Darstellung nimmt dann das Kapitel über “Themes in the prt m hrw” gerade einmal anderthalb Seiten ein (S. xiv–xv), und selbst dieses ist nicht die von manchen Lesern wohl erwartete Einführung in die Jenseitsvorstellungen, die das Totenbuch und das gesamte funeräre Textschaffen im Alten Ägypten prägten, auch wenn sie natürlich wesentliche Stichworte liefert. Vielmehr sind hier fünf prägende Themenbereiche des Textkorpus aufgeführt (Erhalt des Körpers, Nahrung, Bewegungsfreiheit, Gericht, “Verklärung” [transfiguration]), jeweils mit Nennung der Sprüche, die diese allgemeinen Themen ganz verschieden konkretisieren. Es versteht sich von selbst, dass derartige Kategorisierungen nicht ohne Alternative sind und, wie der Autor selbst betont, in einem Spruch üblicherweise mehr als ein “Thema” verarbeitet ist. Wer, auch als Anfänger, auf der Suche nach ausführlicheren und weiterführenden Informationen zum altägyptischen Jenseitsglauben ist, der wird zusätzliche Fachliteratur zur Hand nehmen müssen, wobei für die Perspektive desselben Autors auf dessen inzwischen erschienenes “Exploring Religion in Ancient Egypt” aufmerksam gemacht sei, insbesondere auf die dort formulierten thematischen Schwerpunkte verschiedener Textsammlungen einschließlich des Totenbuchs. 2 Der Großteil der verbleibenden knapp zwei Drittel seiner Einführung ist unter dem programmatischen Titel “Re-reading prt m hrw papyri” (S. xvi) der Präsentation bedeutender Handschriften des Neuen Reichs gewidmet (S. xvi–xxiv), wobei die jeweiligen Spruchsequenzen als Folge von Inhalten vorgestellt werden. Hinter diesem Vorgehen steht unter anderem ausdrücklich das Angebot, die übersetzten Texte in der Reihenfolge unterschiedlicher Papyri zu lesen und damit verschiedene originale Spruchfolgen direkt nachzuvollziehen. Danach richtet eine erneute Darstellung der Entwicklungen in der Dritten Zwischenzeit den Fokus auf Entwicklungen der Manuskriptgestaltung in Text und Bild, einschließlich des Verhältnisses zu den “Amduat”-Papyri sowie einer eingehenderen Betrachtung der Sequenz des sog. Papyrus Greenfield (BM 10554) (S. xxiv–xxvi). Abschließend wird dann anhand von zehn Belegen aus der Sammlung des British Museum auf die Abweichungen von der vermeintlich standardisierten Spruchsequenz des späten Totenbuchs aufmerksam gemacht. Dabei sollte man allerdings m. E. eine Unterteilung vornehmen: Eine Reihe von Sequenzen ist nämlich durchgehend oder fast durchgehend nach der heutigen Spruchzählung numerisch aufsteigend angeordnet, so dass man sie deswegen vielleicht einfach als abrégés oder Exzerpte der großen Sequenz 1–162/165 auffassen darf. Damit reduziert sich die Zahl der Papyri mit wirklich einzigartiger Spruchfolge doch spürbar; an der Notwendigkeit, auf die immer noch zahlreiche Existenz solcher Papyri aufmerksam zu machen und ein entsprechend komplexeres Gesamtbild der Totenbuch-Produktion zu erarbeiten, ändert dies aber nichts.
Den Hauptteil des Buchs bildet aber selbstverständlich das Kapitel “Transliterations and translations”, in dem man seiner Überschrift folgend zunächst und zutreffend die “Totenbuchübersetzung” vermuten wird, wie schon in Quirkes ähnlicher Bearbeitung “literarischer” Texte des Mittleren Reichs 3 begleitet von einer einfach gehaltenen Umschrift der ägyptischen Textbasis. Tatsächlich machen aber Umschrift und Übersetzung höchstens die Hälfte des Textumfangs aus, gerade bei kurzen Sprüchen oft deutlich weniger. Denn ganz im Sinne der Zielsetzung, an die Quellen “des” Totenbuchs heranzuführen, geht jedem Spruch ein einheitlich strukturierter Einführungsteil voran. Dieser nennt zunächst die Anzahl der bekannten Textzeugen: numerisch präzise für das in mehrere Zeitabschnitte unterteilte Neue Reich sowie die Dritte Zwischenzeit, beruhend auf Munros Aufstellung des Spruchvorkommens; 4 für das späte Totenbuch hingegen nur mit ungefähren Einschätzungen wie “frequent” oder “widespread”. Dann folgen Beispiele für und Erläuterungen zu den spruchtypischen Vignetten, womit Quirke von allen Übersetzern den mit Abstand umfangreichsten Einblick in dieses integrale, aber weiterhin nur in kleinen Ausschnitten erforschte Element der Totenbücher ermöglicht. Umschrift und Übersetzung beruhen auf zumeist einem ausgewählten Textzeugen, wo möglich dem Totenbuch des Nu (P. BM 10477), sonst auf weiteren prominenten Handschriften (Totenbücher des Juja, des Nebseni, des Neferubenef etc.). Während für selten belegte Sprüche die Wahl des Textzeugen fast alternativlos ist, hätte für die häufig überlieferten die Alternative gewählt werden können, eben einmal nicht von “ pNu” auszugehen, der wegen seiner umfangreichen Textsequenz gepaart mit hohem Alter (wahrscheinlich Regierungszeit Thutmoses III. oder Amenhoteps II.) schon mehrmals als “Standard-Textzeuge” Verwendung fand. 5 Gerade aus diesen Gründen ist diese Wahl aber wiederum verständlich. Aus methodischer Sicht wesentlich ist die Entscheidung, den übersetzten Text nicht aus mehreren Abschriften zusammenzustellen, also individuellen Textverlauf in Kauf zu nehmen, da der gutgemeinte Versuch einer Korrektur allzu leicht auf einen Text herausläuft, den es so nie gegeben hat (“Mischtext”).
Unter der Überschrift “Written content” werden die wesentlichen Motive des Spruchs und ggf. seine Struktur vorgestellt, wobei die unterschiedliche Ausführlichkeit dieser Abschnitte zwischen wenigen Zeilen und einer halben Seite offenbar nicht nur der Länge des jeweiligen Spruchs geschuldet ist, sondern auch dem aktuellen Erkenntnis- bzw. Forschungsstand (vgl. z. B. Tb 105 und 110: S. 233, 247). Die abschließenden Hinweise zu früheren Quellen (“Earlier sources”) sind ausformuliert und dabei in einigen Fällen detaillierter als die Aufstellungen in den Übersetzungen von Allen und Hornung. Auf diese Weise werden Spruch für Spruch kurze Textgeschichten versucht und damit dem gleich auf der ersten Textseite (S. vii) geäußerten Wunsch nach “more sympathetic study of the Egyptian prt m hrw in its own creative material world” entsprochen.
Die Erläuterungen zu den einzelnen Sprüchen werden durch Einführungen zu Spruchfolgen variierender Länge ergänzt. Barguets thematische Gliederung der späten Spruchsequenz 1–165 wurde dabei als “guide” verwendet (S. xiii). Hier wäre doch ein Hinweis auf alternative Ansätze, insbesondere von Quack, 6 erforderlich, und sei es nur, um—und das wäre doch ganz im Sinne von Quirkes Bemühen, eurozentrische Deutungsmuster offenzulegen—aufzuzeigen, wie die Anwendung unterschiedlicher, aber stets moderner Kriterien zu erheblich abweichenden Interpretationen desselben komplexen Befunds führen kann. Tatsächlich steht Quirkes Gliederung in 19 Bereiche numerisch zwischen Barguets großen Einheiten und Quacks kürzeren thematischen Abschnitten.
Der “Lepsius-Sequenz” 1–165 folgen zunächst die bekannten, von 166 bis 190 nummerierten und allgemein—nicht immer ohne Einschränkung gerechtfertigt 7 —als Bestandteil des Totenbuchs akzeptierten Sprüche; dann in viel größerer Ausführlichkeit als bisher weitere Texte aus Totenbuch-Papyri, von denen bislang allenfalls eine unterschiedliche Zahl von Sonnen- und Osirishymnen (unter den Nummern Tb 15 und Tb 185), die sog. “Zusatzkapitel” (Pleyte 166–174) und “Tb 191–192” Eingang in Übersetzungen “des” Totenbuchs gefunden hatten. 8 Entsprechend heterogen sind die Texte dieses letzten großen Abschnitts, in den neben diversen Hymnen und Liturgien aus Papyri der Dritten Zwischenzeit und Spät- bis Ptolemäerzeit auch das nur in zwei sehr späten Totenbüchern aus Achmim belegte sog. “Buch vom Ba” aufgenommen wurde. Es versteht sich, dass ungeachtet dieser bisher nicht erreichten Ausführlichkeit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann. Maßgabe scheint gewesen zu sein, dass die Texte publiziert sind, wobei nicht nur Studienanfänger einen standardmäßigen Hinweis auf die entsprechenden Publikationen vermissen werden. Eine Wertung hinsichtlich der Zugehörigkeit der verschiedenen Texte zum Totenbuch-Korpus wird nicht vorgenommen, dem Leser aber ein quellennaher Start für entsprechende Überlegungen angeboten. Dennoch wäre der ein oder andere Hinweis, z. B. auf altägyptische und moderne Unterscheidungen zwischen “liturgischen Texten” und “Totenbuch”, wünschenswert. 9
Bemerkenswert und für die Diskussion um die Grenzen des Totenbuchs relevant ist ein Appendix zum Übersetzungsteil (S. 581–592), der einige Texte vereint, denen aus verschiedenen Gründen eine Tb-Nr. zugewiesen wurden, ohne dass sie bislang auf einem Totenbuch-Papyrus belegt wären.
Nach diesen Angaben dazu, was alles auf über 600 großformatigen Seiten zu finden ist, muss auch deutlich gemacht werden, was nicht darin steht. Angesichts des erheblichen Umfangs, der aber ausdrücklich “manageable” bleiben sollte (S. xvi), sind Auslassungen unvermeidlich, über deren Umfang und Begründung jeder Leser/Nutzer ebenso unvermeidlich seine eigene Meinung behalten wird.
Vielleicht etwas zu konsequent wurde auf die explizite Erwägung und ggf. Zurückweisung philologischer Alternativen verzichtet, trotz einer nicht geringen Zahl neuer Übersetzungsvorschläge gegenüber den bisherigen Gesamtübersetzungen (z. B. der Schlusssatz von Tb 30B; zu Beginn von Tb 89 die Anrede an eine Gruppe statt einer einzelnen Gottheit und Deutung von sxn=f als Verb und nicht als Substantiv, “sein Landeplatz”; in Tb 137B gegen Anfang ỉy.ty m Htp als Aufforderung, kurz danach swt nicht als Subjekt eines Spaltsatzes, sondern als Einleitungspartikel vor Imperativen; oder bereits die Wiedergabe von pr.t m hrw durch “going out in daylight”). Wenigstens eine knappe Anzeige solcher potentiell kontroverser Passagen hätte insbesondere Nicht-Experten, die deutlich zur anvisierten Leserschaft gehören, eine sinnvolle Hilfestellung geboten. Für eine eingehende Auseinandersetzung mit dem ägyptischen Text hingegen macht es hingegen keinen Unterschied; d. h. wer sich intensiv mit einem Totenbuch-Spruch beschäftigt, wird auch ohne Quirkes Hilfe schnell bemerken, an welchen Stellen erhöhter Diskussionsbedarf besteht. Zudem kann die Umschrift manchen Hinweis auf die grammatische Interpretation ersetzen. Interessant fände ich es aber zu erfahren, ob—so ist nämlich mein Eindruck—sich ein beträchtlicher Teil der neuen Übersetzungslösungen vornehmlich aus der strikten Zugrundelegung des ausgewählten Textzeugen bis hin zur Schreibung des einzelnen Wortes ergeben hat. Dann kann z. B. bei Pluralstrichen auch dann pluralisch übersetzt werden, wenn der Kotext, etwa durch Suffixpronomen =f, den Singular mindestens ebenso plausibel erscheinen lässt. Ein allgemeiner Hinweis zum Umgang mit der ägyptischen Textbasis hätte die Einschätzung der ein oder anderen überraschenden Lösung vermutlich erleichtert. Möglich wäre außerdem natürlich die Angabe zumindest einer Auswahl bedeutungsrelevanter Varianten gewesen. Deren fast völliges Fehlen erstaunt auch deswegen, weil Quirke gleich zu Beginn (S. vii) Kritik an einer “almost pathological tendency to treat any variation as a mistake” in der Ägyptologie äußert. In dieser harschen Formulierung, die sich übrigens vom Tonfall des gesamten übrigen Buchs abhebt, kann diese Kritik nicht als gerechtfertigt gelten: Nicht erst seit Cerquiglinis Eloge de la variante, auf den sich Quirke hier einmal mehr beruft, haben sich “ägyptologische Textkritiker” oft genug explizit oder etwa durch die programmatische Verwendung des Begriffs “Deviation” eindeutig gegen eine Überlieferungsgeschichte als reine “Fehlergeschichte” positioniert. Und ob angesichts einer raumfüllenden Umschrift nicht doch Platz für einige ausgewählte Varianten gewesen wäre? So sind lediglich zu wenigen Sprüchen stark voneinander abweichende Versionen komplett übersetzt aufgenommen (Tb 1B, 57, 84, 145, 146, 182, 186); hinzu kommen einige Ergänzungen in Fällen, in denen andere Abschriften die gewählte Textbasis merklich erweitern (bes. zu Tb 1, 18, 82, 112, 141–143, 144, 188). Bei Tb 89 fehlt allerdings der Hinweis, dass ausgerechnet der Papyrus des Nu einen kompletten Abschnitt auslässt. 10 Die Angabe ausgewählter Abweichungen direkt zu einem Basistext kann nicht zuletzt in derartigen Fällen sogar einen schnelleren Zugang zur Varianz der Spruchtexte bieten als die mit am stärksten “textzeugenorientierte” Vorgehensweise, nämlich auf mehrere Bände verteilte Komplettübersetzungen mehrerer Papyri, die man nebeneinander aufschlagen muss. 11
Insgesamt vertretbar erscheinen mir die z. T. sehr knappen inhaltlichen Erläuterungen, da sie durch ein Glossar von ca. 200 Einträgen ergänzt sind, ähnlich z. B. dem in Smiths Übersetzung ptolemäer- und römerzeitlicher Totentexte. 12 Die Erstellung dieses Glossars erlaubt es Quirke nebenbei, eine Reihe von Namen und Begriffen unübersetzt zu lassen (also “Djedu” und “Djedet” statt “Busiris” und “Mendes” usw.) und damit stärker der altägyptischen Eigenbegrifflichkeit Rechnung zu tragen, auch dies in Übereinstimmung mit seinen an anderer Stelle dargelegten Prinzipien. 13
Während die bisher angeführten Punkte vorwiegend wertungsfreie Reaktionen auf die Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen darstellen, hätte ich mir hinsichtlich des Umgangs mit Sekundärliteratur tatsächlich etwas mehr Konsequenz gewünscht. Eine systematischere Anführung von Publikationen zu den verschiedenen Themen der Einführungskapitel sowie zu einzelnen Sprüchen hätten den Nutzen des Buchs als Einführung und Nachschlagewerk, als das es zweifellos verwendet werden wird, weiter erhöht. So wird z. B. zur Vignette zu Tb 1 die noch unpublizierte Doktorarbeit von Tawfik erwähnt (S. 8), während bei Tb 42 die Studien von Stöhr und Tarasenko zur komplexen Vignette 14 fehlen (S. 118); zwar findet Stadlers Monographie zu Thot in der Einleitung zu Tb 1 Erwähnung, allerdings nicht für die darin enthaltene ausführliche inhaltliche Analyse des Texts, 15 sondern ohne Seitenangabe als Beleg für Thots Rolle als Xr.i-HAb.t (S. 6). 16 Einige Details sind etwas überraschend mit einem Hinweis auf einen wichtigen Titel zur Thematik versehen, viele aber nicht. Nun wird angelegentlich der Wasserspende zum Dekadenfest niemand etwas gegen den Verweis auf “Donker van Heel 1992” haben, aber es bleibt die Frage, wieso dieses Stichwort einen Literaturhinweis erhielt, nicht aber die unmittelbar zuvor erwähnten Dekansterne. Das Beispiel ist auch gewählt, um einen grundsätzlichen Kritikpunkt zu äußern, nämlich die zu hohe Zahl formaler Fehler: Die genannte Literaturangabe, bei der es sich natürlich um Donker van Heels Aufsatz über Choachyten/wAH-mw seit dem Neuen Reich handelt, 17 ist in der Bibliographie nicht aufgelöst, leider nicht als einzige. Auch Rechtschreibfehler in Buchtiteln oder Autorennamen (S. 6: “van Lieven”; S. 534: “Anne Wüthrich”), formal Uneinheitliches (Komma oder Doppelpunkt mit und ohne Leerzeichen vor Seitenzahlen u. dgl.) oder hier und da ein bis zwei Zeilen ohne Umschrift-Font können als Anzeichen für etwas zu schnelles Arbeiten auch in anderen Bereichen gewertet werden. Entsprechendes gilt für unterschiedliche Übersetzungen derselben Formulierung in identischem Kotext (S. 422/Tb 170 und S. 534/Tb 167Pleyte: rDi̯ a einmal “helfen”, einmal “Arm geben”). Das ist insofern bedauerlich, als dass diese und weitere Kleinigkeiten, von denen keine für sich alleine der Erwähnung wert wäre, in der Summe mehr Misstrauen als eigentlich nötig gegenüber den im Großen und Ganzen verlässlichen und, wie gesagt, oft genug interessanten Übersetzungen und Erläuterungen wecken. Vielleicht wäre die folgende Ergänzung vermeidbar gewesen, da Quirke eine Publikation mit Hinweis darauf verwendet hat: Noch auf Papyri der Spät- und Ptolemäerzeit ist Tb 30B als eigenständiger Spruch belegt (also nicht in der Nachschrift zu Tb 64), 18 vereinzelt sogar in direkter Nachbarschaft zur Totengerichts-Szene. 19 Dabei sei ausdrücklich anerkannt, dass die Präsentation der “Kapitel” 30, 30A und 30B der Textgeschichte tiefgehender Rechnung trägt als frühere Übersetzungen. Aber gerade dieser Anspruch ist es, der eine etwas differenziertere Darstellung der Beleglage im späten Totenbuch verlangt oder zumindest einen Hinweis darauf, dass es mit der Standardformel “im späten Totenbuch sind Tb 30A und 30B zu einem einzigen Spruch ‘Tb 30’ kombiniert” allein nicht getan ist.
Angesichts der einleitenden Bemerkungen kann das Fazit kurz ausfallen: Stephen Quirke hat die Einführungen ins und Übersetzungen der Texte des Totenbuchs wesentlich bereichert, vor allem durch sein Bestreben, die komplexe Vielfalt der Quellengrundlage ins Blickfeld zu rücken, aber auch durch eine Reihe neuer Vorschläge, die künftige Bearbeitungen einzelner Sprüche nicht unberücksichtigt lassen sollten. Keinem Studenten, der sich einen Überblick über die Totenbücher und ihre Texte verschaffen möchte (oder muss), kann man guten Gewissens nur ein einziges Buch empfehlen, zu zahlreich und unterschiedlich sind die möglichen Schwerpunkte und Blickwinkel. Mit Going out in Daylight liegt aber ein Buch vor, das nach meiner Einschätzung einen Platz auch auf knapp gehaltenen Listen bibliographischer Hinweise zum Totenbuch verdient hat. Dies begründet sich sowohl durch den bislang unerreichten Umfang des übersetzten Spruchguts als auch durch die Einführung und die Erläuterungen, da diese über die Vermittlung von Grundwissen hinaus zahlreiche Anregungen und Ansatzpunkte für künftige Untersuchungen bereithalten.
Footnotes
1
P. Barguet, Le Livre des Morts des anciens Egyptiens (LAPO 1; Paris, 1967); T. G. Allen, The Book of the Dead or Going Forth by Day : Ideas of the Ancient Egyptians Concerning the Hereafter as Expressed in their Own Terms (SAOC 37; Chicago, 1974); E. Hornung, Das Totenbuch der Ägypter (1st ed.; Zürich, 1979). R. O. Faulkner, The Book of the Dead: A Collection of Spells (1st ed.; New York, 1972); C. Carrier, Le Livre des Morts de l’Égypte ancienne (Moyen Égyptien. Le Langage et la Culture des Hiéroglyphes; Analyse et Traduction (Melchat) 2; Paris, 2009). Für weitere Übersetzungen auch einzelner Totenbuch-Textzeugen s. z. B. Bibliographie zum Altägyptischen Totenbuch (2nd ed.; SAT 13; Wiesbaden, 2009), 1–3.
2
S. Quirke, Exploring Religion in Ancient Egypt (Chichester, 2015), 230–5.
3
S. Quirke, Egyptian Literature 1800 BC: Questions and Readings (Golden House Publications 2; London, 2004).
4
I. Munro, Spruchvorkommen auf Totenbuch-Textzeugen der dritten Zwischenzeit (SAT 5; Wiesbaden, 2001).
5
Unter den zuvor genannten Übersetzungen am konsequentesten bei Allen, Book of the Dead; auch für die Eingabe der Totenbuch-Texte in den Thesaurus Linguae Aegyptiae wurde dieser Papyrus als erster herangezogen.
6
J. F. Quack, ‘Redaktion und Kodifizierung im spätzeitlichen Ägypten. Der Fall des Totenbuches’, in J. Schaper (Hg.), Die Textualisierung der Religion (FAT 62; Tübingen, 2009), 11–34, hier 22–5.
7
Entsprechend Quack, in Schaper (Hg.), Textualisierung der Religion, 17–22.
8
Am ausführlichsten bislang noch Allen, Book of the Dead.
9
Vgl. Quack, in Schaper (Hg.), Textualisierung der Religion, 18–19.
10
“S 2” bei Allen, Book of the Dead, 74, wo gewiss deswegen das Totenbuch des Ani (BM 10470) der Übersetzung zugrundeliegt.
11
Vgl. Carriers kleine Reihe entsprechender Publikationen: C. Carrier, Le Papyrus de Nouou (BM EA 10477): Traduction / Translittération + transcription hiéroglyphique (Série des Papyrus du Livre des Morts de l’Égypte Ancienne I. Moyen Égyptien. Le Langage et la Culture des Hiéroglyphes; Analyse et Traduction 3; Paris, 2009); idem, Le Papyrus d’Any (BM EA 10470). Traduction / Translittération + reproduction du fac-similé (Série des Papyrus du Livre des Morts de l’Égypte Ancienne II. Moyen Égyptien. Le Langage et la Culture des Hiéroglyphes; Analyse et Traduction 4; Paris, 2010); idem, Le Papyrus de Nebseny (BM EA 9900). Traduction / Translittération + reproduction du fac-similé (Série des Papyrus du Livre des Morts de l’Égypte Ancienne III. Moyen Égyptien. Le Langage et la Culture des Hiéroglyphes; Analyse et Traduction 5. Paris, 2011); idem, Le Papyrus de Iouefânkh (Turin, cat. n° 1791). Traduction / Translittération + reproduction du fac-similé de Davis (Série des Papyrus du Livre des Morts de l’Égypte Ancienne IV. Moyen Égyptien. Le Langage et la Culture des Hiéroglyphes; Analyse et Traduction 6; Paris, 2011). Ein vergleichbarer Ansatz wird ja auch bei der Texteingabe in den Thesaurus Linguae Aegyptiae verfolgt.
12
M. Smith, Traversing Eternity : Texts for the Afterlife from Ptolemaic and Roman Egypt (Oxford, 2009).
13
Jetzt Quirke, Exploring Religion, vii.
14
S. Stöhr, ‘Who Is Who? Die Repräsentanten der Gliedervergottung in der späten Vignette zu Tb 42’, in B. Backes, M. Müller-Roth und S. Stöhr (Hgg.), Ausgestattet mit den Schriften des Thot: Festschrift für Irmtraut Munro zu ihrem 65. Geburtstag (SAT 14; Wiesbaden, 2009), 175–200; M. Tarasenko, ‘The BD 42 Vignettes during the New Kingdom and Third Intermediate Period’, in Backes, Müller-Roth und Stöhr (Hgg.), Ausgestattet mit den Schriften des Thot, 239–65.
15
M. Stadler, Weiser und Wesir: Studien zu Vorkommen, Rolle und Wesen des Gottes Thot im ägyptischen Totenbuch (ORA 1; Tübingen, 2009), 116–34.
16
Stadler, Weiser und Wesir, 128–33.
17
K. Donker van Heel, ‘Use and Meaning of the Egyptian Term wAH mw’, in R. J. Demarée und A. Egberts (Hgg.), Proceedings of the Symposium ‘Texts from Deir el-Medîna and their Interpretation’, Leiden, May 31–June 1, 1991 (CNWS Publications 13; Leiden, 1992), 19–30.
18
Diese grundsätzliche Aussage ergibt sich immerhin aus dem Hinweis auf Tb 30B als Folgespruch von Tb 30 auf dem als Textbasis verwendeten P. Ryerson (S. 97).
19
B. Backes, Drei Totenpapyri aus einer thebanischen Werkstatt der Spätzeit (pBerlin P. 3158, pBerlin P. 3159, pAberdeen ABDUA 84023) (HAT 11; Wiesbaden, 2009), 32f.
