Abstract

Die Krisenstimmung in der NS-Führung im Dezember 1941 hätte kaum tiefer sein können. Der deutsche Vormarsch in der Sowjetunion war vor Moskau ins Stocken gekommen, obwohl die Wehrmachtsführung fest mit einem raschen Sieg bis zum Herbst gerechnet hatte. Schlimmer noch, am 5. Dezember begann die Rote Armee eine Gegenoffensive, die das deutsche Heer, das kurz vor Moskau stand, zu einem fluchtartigen Rückzug zwang. Hitler selbst übernahm am 19. Dezember den Oberbefehl über das Heer.
Zudem hatte der deutsche Verbündete Japan am 7. Dezember einen massiven Luftangriff auf den US-Marinestandort Pearl Harbor geflogen, den die USA tags darauf mit einer Kriegserklärung an Japan beantwortete. Drei Tage später erklärten Deutschland und Italien den USA den Krieg. Die Vereinigten Staaten waren nun ein militärischer Gegner, dessen weit überlegene Kriegsproduktion aus dem Ersten Weltkrieg bekannt war. Der Krieg war für die Achsenmächte nur noch zu gewinnen, wenn er rasch siegreich beendet würde, bevor die USA ihr Kriegswirtschaftspotential voll entfalten und mit Truppen auf dem europäischen Kontinent landen würden.
Die Niederlage vor Moskau bedeutete, dass der Krieg länger dauern würde als geplant und damit Millionen deutsche Soldaten nicht an ihre Arbeitsplätze zurückkehren würden, sondern weiter Kriegsdienst leisten müssten. Von nun an wurde das Problem mangelnder Arbeitskräfte, die für die Kriegsproduktion dringlich benötigt wurden, das zentrale Problem des NS-Regimes. Statt die sowjetischen Kriegsgefangenen wie bisher verhungern zu lassen, sollten sie nun als Arbeitskräfte im Reich eingesetzt werden. Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden aus dem besetzten Europa nach Deutschland verschleppt.
Es galt nun aber auch, die Loyalität der deutschen Bevölkerung in einem andauernden und alle Kräfte anspannenden Krieg zu sichern. Weder durfte es wie im Ersten Weltkrieg zu Versorgungsengpässen kommen noch in der Arbeiterschaft Unmut über die Arbeitsbedingungen aufkommen. In keinem Fall sollten sich die Verhältnisse an der Heimatfront wie in der Spätphase des Ersten Weltkriegs wiederholen, als Frauen Bäckereien stürmten und Arbeiter zu Hunderttausenden in den Streik traten. In der Perspektive der NS-Führung war der Weltkrieg deshalb verloren gegangen, weil Juden als Händler, Saboteure und hinterlistige innere Feinde den Sieg hintertrieben hätten und deutsche Arbeiter von Spartakisten aufgehetzt worden wären, die dann zusammen dem kämpfenden Heer einen „Dolchstoß“ in den Rücken versetzt hätten. Das antisemitische Feindbild amalgamierte dabei mit dem des „jüdischen Bolschewisten“.
Um ein solches Szenario in jedem Fall zu verhindern, musste aus der Sicht der NS-Führung der gefährlichste Feind radikal eliminiert werden: die Juden. Christian Gerlach hat mit guten Gründen die These aufgestellt, dass Hitler am 12. Dezember auf der Besprechung mit den Reichs- und Gauleitern der NSDAP, also seinen engsten politischen Weggenossen, seine Grundsatzentscheidung mitgeteilt habe, sämtliche Juden im deutschen Machtbereich zu töten. 1 Mehrere nachträgliche Aussagen von Teilnehmern dieses Gesprächs stützen Gerlachs These. Goebbels schrieb im Tagebuch, dass Hitler bezüglich der „Judenfrage“ beschlossen habe, „reinen Tisch“ zu machen; Generalgouverneur Hans Frank teilte der Spitze der Besatzungsverwaltung mit, dass man ihm in Berlin gesagt habe, dass die polnischen Juden nicht mehr weiter nach Osten deportiert werden könnten, sondern in Polen selbst vernichtet werden sollten. Und als Hitler am 18. Dezember mit Himmler zusammentraf, notierte dieser auf seinem Handzettel zum Unterredungspunkt „Judenfrage“: „als Partisanen auszurotten“. 2
Mit diesem historischen Einstieg zu einem entscheidenden Moment in der Geschichte der „Endlösung“ möchte ich belegen, dass A. Dirk Moses mit seiner Überlegung, dass es massenmörderischen Systemen um „permanente Sicherheit“ geht, einen wichtigen Punkt beleuchtet. In der Wahrnehmung der NS-Spitze waren Juden als die gefährlichsten Feinde verantwortlich für Wirtschaftssabotage, Schwarzhandel, Ressourcenmangel ebenso für Widerstand, Aufruhr und Partisanentätigkeit. Um „Sicherheit“ zu gewährleisten und den Krieg fortführen zu können, musste der jüdische Einfluss radikal ausgemerzt, Jüdinnen und Juden vernichtet werden.
Raul Hilberg hat hervorgehoben, dass, um die Geschichte des Massenmords an den europäischen Jüdinnen und Juden zu begreifen, die Handlungen der Täter verstanden werden müssen, was bedeutet, deren Sichtweisen und Begründungen für ihr Tun ernst zu nehmen. 3 Moses unterstreicht daher zu Recht, dass die antisemitische Paranoia vor der jüdischen Bedrohung einen wesentlichen Antrieb für die NS-Akteure bildete, die Verfolgung der Juden bis hin zum systematischen Massenmord zu radikalisieren. 4
Aber es gab darüber hinaus noch weitere Gründe. Vor einem kleinen Kreis, den Oberbefehlshabern des Heeres, der Marine und der Luftwaffe, Kriegsminister von Blomberg und Außenminister von Neurath offenbarte Hitler am 5. November 1937, dass er zum Krieg entschlossen sei. Ziel der deutschen Politik sei „die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung“. Die einzige Garantie für das Wohlergehen Deutschlands biete die „Gewinnung eines größeren Lebensraumes“, der, wenn die Sicherung der Ernährungslage im Vordergrund stünde, nicht in fernen Kolonien, sondern in Europa gefunden werden müsse. Es handele sich dabei, betonte Hitler, „nicht um die Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich nutzbarem Raum“. Dass jede „Raumerweiterung“ nur durch „Brechung von Widerstand und unter Risiko“ vor sich gehen könne, habe die Geschichte gezeigt. „Zur Lösung der deutschen Frage könne es nur den Weg der Gewalt geben.“ 5
Die gewaltsame Gewinnung von „Lebensraum“ war ein zentrales Ziel der NS-Politik. Schon mit dem Angriff auf Polen 1939 wurden die westpolnischen Gebiete annektiert, Juden und Polen vertrieben, um deutschen Siedlern Platz zu machen. Im Bezirk Lublin erklärte die SS gleich nach der Ermordung der jüdischen Bevölkerung in den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“ die Region Zamosc zum deutschen Siedlungsgebiet und vertrieb Zehntausende von Polen. Der monströse „Generalplan Ost“, den der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer mit seinem Stab für Heinrich Himmler entwarf, sah die deutsche Besiedlung weiter Teile der Sowjetunion, Polens und des Baltikums vor, wobei die einheimische Bevölkerung – die Rede war von über 30 Millionen Menschen – entweder als Arbeitssklaven ausgebeutet und unterdrückt, vertrieben oder ermordet werden sollte.
Zweifellos spielte die Herstellung von Sicherheit für den nationalsozialistischen Siedlerkolonialismus in Osteuropa eine wichtige Rolle und die Zuschreibung der indigenen Bevölkerung als Feinde bildete eine Legitimation, sie zu vernichten. 6 Aber das Versprechen eines „Großgermanischen Reiches“, in dem die Deutschen als Herrenmenschen über Europa herrschen und sich bereichern würden, war auch ein Mobilisierungsgrund für deutsche Volksgenossinnen und Volksgenossen, das NS-Regime zu unterstützen und sich an den Morden und anderen Verbrechen zu beteiligen. Diese Vision einer Zukunft als Herrenmenschen Europas darf meines Erachtens als Motiv für den Genozid nicht unterschätzt werden. Die These von Götz Aly vom Holocaust als den größten Massenraubmord der modernen Geschichte verschattet zwar auch die Vielfalt der Beweggründe für die Partizipation am Völkermord, aber verweist zu Recht auf das Begehren und die Habsucht, die der Tat gleichfalls innewohnten. 7
Ein drittes Ziel bestimmte die NS-Politik: die „Reinhaltung des Volkskörpers“. Rassisten sind von der Vorstellung besessen, das „fremdes Blut“ die eigene Rasse „verunreinigen“ könnte. Antisemiten füllten Bücher mit dem Schreckensszenario, dass der sexuelle Verkehr mit einem jüdischen Mann eine „arische“ Frau für immer „vergiften“ würde. Nicht nur im NS-Deutschland, sondern überall in Europa und den USA war die Annahme, dass soziale Devianz erbbiologische Ursachen habe und daher mit eugenischen Mitteln beseitigt werden könnte, weit verbreitet. Bereits in den 1920er Jahren wurde gefordert, „lebensunwertes Leben“ zu beenden, und schon vor 1933 wurden „asoziale“, kranke und behinderte Menschen zuweilen sterilisiert. Die Nationalsozialisten haben diese eugenische Politik radikalisiert, gleich im Juli 1933 ein Zwangssterilisationsgesetz beschlossen und sind mit Kriegsbeginn 1939 dazu übergegangen, kranke und behinderte Menschen systematisch in Gaskammern zu ermorden.
Diese Herstellung eines rassisch „reinen und gesunden Volkskörpers“ geht nicht im Sicherheitsparadigma auf, sondern zielt auf die Utopie einer homogenen, gezüchteten Gesellschaft, die niemals erreicht werden kann, aber auf dem Weg dorthin jede Gewaltmaßnahme, jeden Eingriff in die Individualität und Freiheit von Menschen erlaubt. Eine solche Biopolitik gründet auf mehr als nur auf Abwehr von Bedrohungen und der Errichtung von Sicherheit. Sie mobilisiert Hoffnungen, Erwartungen an die Zukunft, ermächtigt Ärzte wie Wissenschaftler in der Hybris, neue Menschen zu entwerfen, und zieht exkludierende, tödliche Grenzlinien in die Gesellschaft ein. Man könnte mit Foucault sagen, „das alte Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen, wurde abgelöst von einer Macht, leben zu machen oder in den Tod zu stoßen“. 8
Moses' These von der „permanenten Sicherheit“ als Beweggrund für Massengewalt gegen angenommene, konstruierte Feindgruppen ist zweifellos eine wichtige Bereicherung der Debatte; allein hinreichend für die Erklärung von Genoziden ist sie nicht.
Auch Moses' Kritik am Begriff Genozid reklamiert für sich viele gute, wenn auch in der Fachwelt seit Langem diskutierte Gründe. So entstand der Terminus bei Raphael Lemkin ähnlich wie der neu entworfene Straftatbestand Crimes against Humanity von Hersch Lauterpacht aus der Anschauung und Erfahrung der Massengewalt gegen Zivilisten, insbesondere des Massenmordes an den europäischen Juden. Der Holocaust ist sicherlich der Archetypus für den Genozid. Und Moses hat ohne Zweifel recht, wenn er, wie andere vor ihm, die Mängel der UN-Konvention zum Genozid aus dem Jahr 1948 aufdeckt, die beispielsweise die Verfolgung und Ermordung politischer Gruppen nicht erfasst.
Doch ist zu bedenken, dass Lemkin mit dem Neologismus die neuartige Dimension der Gewalt gegen Zivilisten durch das NS-Regime, das sich die vollständige Vernichtung rassistisch definierter Kollektive zum Ziel gesetzt hatte, zum Ausdruck bringen wollte. Was in den Vernichtungslagern Treblinka, Bełżec, Sobibór, Auschwitz geschah, ließ sich nicht mehr mit den bisherigen Vorstellungen von Kriegsverbrechen erfassen. Bei allen Unzulänglichkeiten, die der Begriff Genozid, insbesondere in der UN-Konvention, aufweist, bezeichnet er Massenverbrechen, die bis dahin unvorstellbar waren. Ebenso wie mit Crimes against Humanity ist mit Genozid ein Verbrechen definiert und in das Völkerstrafrecht aufgenommen worden, das aufgrund seiner neuen Qualität auch neue Konsequenzen nach sich zog. Erstmals wurden vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg Staatsmänner, Politiker, Generäle, Ministerialbeamte, Industrielle angeklagt und verurteilt, die vordem nicht strafrechtlich belangt werden konnten. Ein Internationaler Strafgerichtshof ist seither ermächtigt, politisch Verantwortliche für Massengewalt gegen Zivilisten zu verurteilen. Diese Fortschritte im internationalen Recht sollten nicht geringgeschätzt werden.
Für die Wissenschaft, da gebe ich Moses Recht, ist der Begriff Genozid zu vage, zu vielfältig und widersprüchlich definiert, als dass er präzise spezifische Massenverbrechen wie den Holocaust beschreiben könnte – nicht nur wegen der von der UN-Definition her unterstellten Intention der Täter, eine Gruppe von Menschen vollständig auszulöschen, sondern auch wegen der holistischen Perspektive, die unter einen Begriff fasst, was sich aus zahlreichen unterschiedlichen Gewalttaten zusammensetzt. Damit wird terminologisch ein kohärenter kausaler Zusammenhang hergestellt, wo es durchaus verschiedene Interessen, Situationen, Täter- wie Opfergruppen geben kann. So scheint mir zum Beispiel Christian Gerlachs Vorschlag interessant, von „extrem gewalttätigen Gesellschaften“ zu sprechen, in denen es mehrere Täter- und Opfergruppen gibt. Dieser Ausdruck macht – im Unterschied zur Auffassung, dass es sich um „Staatsverbrechen“ handele - auf die gesellschaftlichen Täterschaften aufmerksam und nimmt zugleich unterschiedliche Akteure und Verfolgtengruppen in den Blick nimmt. Gerlach öffnet damit Perspektiven, die engen Genozid-Konzeptionen verschlossen sind. 9
Darum sind meines Erachtens vor allem vergleichende Forschungen nötig, die sich weder von starren Definitionen, was ein Genozid sei oder nicht, noch von der erinnerungspolitischen Rede von der Singularität des Holocaust leiten lassen, sondern Intentionen, Praktiken, Legitimationen von Massengewalt untersuchen. Dabei ist in jedem Fall zu berücksichtigen, dass sich die Forschungen zu Genoziden und Holocaust bislang vornehmlich auf Massenverbrechen in Europa konzentriert und die Kolonialgewalt ausgeblendet haben, obwohl sowohl Intellektuelle des globalen Südens wie Frantz Fanon, aber auch des Nordens wie Hannah Arendt schon früh diesen Zusammenhang hergestellt haben, wohingegen die gegenwärtig in Deutschland geführten Debatte mit Artikeln wie „Der Holocaust war kein Kolonialverbrechen“ eher einen intellektuellen Tiefpunkt markiert und zu Recht eine kritische Polemik von A. Dirk Moses hervorrief. 10 Vielleicht ist es nicht einfach, sich in diesem Getöse eines offenkundigen Kampfes um kulturell-politische Hegemonie auf wissenschaftliche Standards zu setzen. Aber seriöse Forschung sollte sich davon nicht beirren lassen. Möglicherweise ist gerade die Kritik am Begriff Genozid und die globale vergleichende Erforschung von Massengewalt ein Weg, Eurozentrismus in der Wissenschaft abzubauen und Forscherinnen und Forschern, gleich welcher Herkunft sie sind oder welche Hautfarbe sie haben, respektvoll und offen zu begegnen.
