Abstract
Zusammenfassung
So far, the history of the nobility has mainly focused on the biographies of the lucky few who were rich and left behind large archives. It may, however, gain new insights by searching for fragmentary evidence of the many lesser nobles that did not leave behind a trail of sources, but whose lives can only be traced through various scattered sources. This material directs our attention towards situations in which the meaning of being a noble was constantly negotiated and re-negotiated. This article concentrates on two such situations: first, on banquets involving nobles and non-nobles that spiralled out of control, and second, on acts of self-ennoblement that sometime worked and sometimes failed. As these examples show, the estate-based society, at least in Prussia, was multi-faceted and malleable before 1800 and continued to be so throughout the 19th century. The material further highlights that more such fragments are needed in order to analyse the changes of the Prussian nobility from the inside and downside.
Es wird behauptet, gesellschaftliche Ordnungen in Deutschland seien um 1800 ungewohnt fluide gewesen. Beschreibungsbegriffe wie „Sattelzeit“, „Neuständische Geselligkeit“ 1 , „Weder Stand noch Klasse“ 2 , „Laboratorium vor der Moderne“ 3 zeigen das seit Längerem an. Diese Beschreibungsbegriffe entstammen gesellschaftstheoretischen Grundannahmen, die die Zeit um 1800 als Übergangsphase zwischen stabil gedachten Ordnungen konzeptualisierten: Vormoderne – Moderne, Ständische Gesellschaft – Klassengesellschaft, stratifikatorische Differenzierung – funktionale Differenzierung.
Die jüngste Forschung hat sich von der Orientierung an großen Modellen entfernt. Anstatt auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher Modelle des 19. und 20. Jahrhunderts Großstrukturen sozialer Differenzierung als „factum brutum“ 4 vorauszusetzen, wird vorgeschlagen, die Produktion und Reproduktion sozialer Ordnung in Situationen und Praktiken überhaupt erst einmal zu beobachten. Alltagshandeln und Alltagsroutinen funktionieren, wenn sie sich auf geteilte, möglicherweise ganz unhinterfragte Vorstellungen von Gesellschaft und Ordnung beziehen können. Wenn Routinen ins Leere laufen, Praktiken nicht mehr wie gewohnt ineinander greifen, sind Ordnungen in Bewegung gekommen. 5 In situativen Aushandlungsprozessen begegnen uns konkurrierende und/oder in sich jeweils fluide Ordnungen, auf die sich Akteure im Moment der Aushandlung offenbar nicht mehr routiniert beziehen können. Situative Aushandlungsprozesse können sich zu Konflikten um „Institutionen“ entwickeln, die Ordnungsprämissen und -prinzipien symbolisch zur Darstellung bringen und dadurch stabilisieren. 6 Auch Institutionen sind nicht bloß da und wirken. Sie entstehen, wandeln sich, ändern ihre Funktion oder lösen sich auf. Institutionelle Leitideen sind das Ergebnis von Kämpfen und können immer wieder neu diskutiert und transformiert werden.
Von diesen Überlegungen ausgehend soll hier forschungspraktisch die Frage nach gesellschaftlicher Ordnung um 1800 nicht von Makromodellen und auch nicht von den historischen Selbstauslegungen, sondern von Situationen und deren Anschlusssituationen und -kommunikationen aus angegangen werden. Situationen und Folgesituationen, Praktiken und darauf reagierende Praktiken, die in der Praxis oft en passant erfolgende Aushandlungen von Regeln und Normen bilden die Grundlage für Aussagen zur Verflüssigung und Verfestigung von Ordnungen. Indem Situationen und Ordnungen aufeinander bezogen werden, öffnet sich ein Raum jenseits von Mikro und Makro. 7
Für die Adelsforschung ist ein solcher Zugang nicht ohne Reiz. Die Geschichtswissenschaft hat sich lange auf naheliegende und leicht zugängliche Quellen konzentriert, die dazu tendieren, das geläufige Bild erfolgreicher und beständiger Adeliger und ihrer Familien im Quellenbefund zu reproduzieren: Familienarchive, Hof- und Staatsakten, Autobiographien, Rechtstexte, Höhenkammliteratur. Der Adel wird dann zum Hort der Beständigkeit, der Dauer und des Konservativen. Die Zeit um 1800 erscheint als Krise, weil territoriale, politische und gesellschaftliche Revolutionen den Bestand von Familie und Besitz gefährdeten. Doch diese Perspektive nimmt den erfolgreichen Teil des Adels für das Ganze. Wenn wir stattdessen auf wiederkehrende Situationen und Praxen schauen, auf institutionelle Mechanismen zur Herstellung, Reproduktion, Zurschaustellung oder Verdeckung von Adel, verändert sich das Bild. Wir benötigen hierfür Quellen, die Momentaufnahmen sind jenseits der großen Erzählungen, die uns Adlige selbst gern präsentieren und in die wir den Adel einzubetten gewohnt sind. Zu denken ist an Bittschriften 8 , Gantprozesse (bei Überschuldung und Konkurs), Aufnahmegesuche in adels- oder staatsdienerspezifische Fürsorge- bzw. Versorgungseinrichtungen, Standardeintrittsprozeduren in den Hof- und Staatsdienst, Musterungsakten, Armenhausunterlagen 9 , zu denken ist an den Niederschlag von Familienkonflikten sowie von Kriminalfällen in Gerichtsakten. 10
Wenn wir die jeweils wirksamen Adelsvorstellungen nicht aus Rechtstexten und Elitenselbstauslegungen, sondern aus Alltagssituationen und -praktiken erheben, werden wir mit Bruchstücken, mit zunächst unverbundenen Einzelpraktiken und Situationen arbeiten müssen. Daraus entstehen keine abgerundeten Biographien, wie sie in der Adelsforschung häufig sind. Es entstehen auch keine klaren Epochengrenzen, die sich mit politischen Zäsuren decken. Doch die situativen Fragmente erlauben besser, als Biographien der Reichen und Mächtigen es können, einen Blick auf den Adel insgesamt zu werfen, sein Verständnis von Stand und Selbst und dessen Einbettung in Vorstellungen von Gesellschaft zu erfassen. Weil das Verständnis und die Vorstellungen im Wandel begriffen sind, können wir hoffen, von vergleichenden Situationsanalysen aus mehr über Verdichtungszonen gesellschaftlichen Wandels um 1800 zu erfahren.
Die folgenden Ausführungen verstehen sich als Versuch in diese Richtung. Von Situationen und deren Deutung aus sollen die Kämpfe um die Verflüssigung und Verfestigung von Ordnung analysiert werden. Die Situationen sind unterschiedlich gelagert und nicht repräsentativ. Sie sind aber bedeutsam, weil sie sich auf unsichere bzw. vielseitige Institutionalisierungen von „Stand“ beziehen. Sie weisen auf das Potential des Ansatzes hin, können es aber natürlich nicht ausschöpfen. Die Situationen liegen zeitlich in der zweiten Hälfte von „um 1800“ und in einem Fall auch deutlich später: 1800, 1814, 1817, 1838; ein pittoreskes Beispiel geht sogar ins Jahr 1880. In der Regel beziehen sich die Akteure aber auf frühere, jetzt in Frage stehende Ordnungen, so dass der Bezug auf die langgestreckt gedachte Jahrhundertwende möglich ist.
Ich beginne mit zwei Situationen des gemeinsamen Essens und geselligen Beisammenseins preußischer Militärangehöriger nach 1815. Gesellschaftlich wie militärisch hochrangige Gastgeber hatten zum Mahl geladen, um bewusst einen Zusammenhalt in den von ihnen geführten Gruppen herzustellen. Dieser institutionelle Mechanismus schien notwendig, weil nach den Militärreformen preußische Militärverbände aus Adeligen und Bürgerlichen verschiedener Dienstränge bestanden, die im Dienstalltag verschiedene Stände- und Berufskonzepte in Einklang bringen mussten. Das war nicht immer leicht. Einer der beiden Einladenden, Friedrich August Ludwig von der Marwitz 11 , war zu der Einsicht gelangt, dass Gesetzmäßigkeit, Disziplin und Ordnung allein noch kein gutes Regiment ausmachten. Disziplin müsse man verstehen als „den moralischen Zusammenhang des Ganzen, die Liebe des Einzelnen zu seinem Korps, zu seinem Vorgesetzten oder Untergebenen, und vor allem die Liebe zur Armee und zum Vaterlande“. Auf der Suche nach „irgend ein[em] moralische[n] Bindungsmittel“ 12 schien das gemeinsame Essen, Trinken und Diskutieren geeignet, symbolisch Zusammenhalt über Dienstränge und Standesgrenzen hinweg zu stiften, ohne die Rangunterschiede zu negieren.
Über beide Gastmähler sind wir allerdings nur deswegen informiert, weil sie aus dem Ruder liefen und daher aktenkundig wurden. Ganz anders als von den Einladenden geplant wurden beim geselligen Mahl unterschiedliche Ständemodelle nicht rituell umspielt, sondern konkret zur Sprache gebracht. Das führte zu bitterem Streit, denn gesellschaftliche Leitideen sind „gerade dann am sichersten, wenn sie unbestimmt und auslegungsfähig bleiben“. 13 Die gemeinschaftsbildende Funktion des Gastmahls verkehrte sich in ihr Gegenteil. In beiden Fällen hatte das für mehrere Beteiligte lebensverändernde Konsequenzen, was die Bedeutung des Ringens um gesellschaftliche Ordnung im Alltag mittels „Sozialregulatoren“ unterstreicht, „in denen die Prinzipien und Geltungsansprüche einer Ordnung symbolisch zum Ausdruck gebracht werden“. 14 Ich möchte die beiden Beispiele daher nutzen, um ausgehend von sozialen Praktiken in bestimmten Situationen und daran anschließende Kommunikation deutlich zu machen, dass um 1800 das Ständische als Ordnungsmodell durchaus akzeptiert war, seine konkrete Ausgestaltung aber ständig umstritten war. Die Fluidität, oder vielleicht besser die Vielfältigkeit ständischer Ordnungen um 1800 ermöglichte sehr flexible Anpassungsleistungen an schnell sich wandelnde Umweltbedingungen. Wie weit diese Anpassungsleistungen gingen, soll an einem dritten Beispiel gezeigt werden: den Selbstnobilitierungen. Das Aufspüren ungewöhnlichen Adelsverhaltens in ungewöhnlichen Quellen mündet in einem abschließenden kurzen Plädoyer für eine fragmentarische Adelsgeschichte.
1. Mahlzeit in Friedersdorf, Dezember 1817
Die erste Mahlgeschichte spielt im Schloss Friedersdorf bei Seelow am Rande des Oderbruchs. Dorthin hatte Generalmajor Friedrich August Ludwig von der Marwitz am 4. Dezember 1817 die Offiziere seiner Regimenter eingeladen. Beim Essen wurde die unterschiedliche Qualität der neu eingestellten Protepeefähnriche beim Ulanen- und beim Kürassierregiment diskutiert. Marwitz, der immer leicht ins Grundsätzliche abglitt, weil er in kleinen Dingen große Tendenzen witterte, stellte fest: „Da sieht man, daß die Edelleute die besten Soldaten sind. – Der Edelmann und der Bauer sind nur Soldaten; alles, was zwischen beyden liegt, taugt nichts.“ 15 Marwitz selbst behauptete später, er habe nur gesagt: „Die Bauern und die Edelleute (so viel es denn noch gibt) sind die besten Soldaten, die Bürger taugen ihrer Natur nach nicht dazu“, aber das machte die Sache nicht weniger heikel. Angefeuert vom Gutsnachbarn von Itzenplitz hatte Marwitz anscheinend den Satz mehrmals wiederholt. Anschließend muss es kontroverse Debatten gegeben haben. Jedenfalls räumte Marwitz ein, dass es im Leben immer auch Ausnahmen gebe und dass möglicherweise nicht die bürgerlichen Soldaten und Offiziere das Problem darstellten, sondern deren Eltern, die „ihren Söhnen durch ungebührliche Ansprüche die Köpfe verdrehten und sie dadurch hinderten, sich ihrem Stande ohne alle Rücksicht zu widmen“. Doch derartige Erläuterungsversuche waren zur Beruhigung der bürgerlichen Offiziere wenig geeignet, die in den Marwitzschen Regimentern zahlreich vertreten waren. Sie scheinen sich gegenüber ihren adeligen Kollegen herabgesetzt gefühlt zu haben. Jedenfalls nahm Regimentskommandeur Oberstleutnant Kracht Mitte Dezember eine schlechte Stimmung unter seinen bürgerlichen Offizieren wahr. 16
Am 15. Dezember 1817 erhielt Kracht eine Eingabe des Leutnants Goltz, der angab, sich als Bürger beleidigt zu fühlen. 17 Er sei als guter bürgerlicher Offizier keine Ausnahme „und mit Stolz darf ich auch hinzusetzen, daß ich keine Ausnahme seyn mag“. „Wir sind alle gleich in den hohen Pflichten als Bürger, die vom Soldaten besonders gefordert werden.“ Goltz wollte keine persönliche Genugtuung via Duell verlangen, denn sein Lebenslauf zeige zu Genüge, dass Marwitzs Ausspruch ihn nicht treffen könne. Er forderte vielmehr eine öffentliche „genugthuende Erklärung“, damit es „keinem Dritten überlassen war, nach seiner Schwachköpfigkeit die Worte des Herrn Generals zum Nachtheile der bürgerlichen Offiziere zu deuten“. Offenbar hatten adlige Offizier im Regiment Marwitzs Äußerung genutzt, um ihre Stellung gegenüber den Bürgerlichen zu verbessern. „Bis jetzt dünkte ich mich gleich mit allen meinen Kameraden und gab, als zu einem Zwecke mit ihnen herzlich vereint, jedem Stande seine Ehre; aber die Behauptung des Herrn Generals hat uns getrennt und eine eisige Wand zwischen uns gezogen.“
Regimentskommandeur Kracht musste Marwitz informieren. Ihm war die Sache peinlich und außerdem hatte er Angst vor seinem Chef. Er habe alles versucht, die Eingabe zu verhindern, versicherte er, doch „die Niedergeschlagenheit ist geblieben“. Immerhin könne Marwitz durch eine „gütige Entscheidung“ die Sache aus dem Weg räumen. Doch Marwitz war weit davon entfernt, irgendetwas zurückzunehmen. In einer längeren „historisch-philosophische[n] Auseinandersetzung“, wie er es nannte, erläuterte er dem Leutnant, dass der Gegensatz Land-Stadt immer schon gesellschaftsstrukturierend gewesen sei. 18 Der Landmann, unabhängig davon, ob adlig oder nicht („wie nun aus den tapfersten und intelligentesten Landleuten die Edelleute entstanden sind, ist hier zu weitläufig zu zeigen“), sei auf den Boden und sich selbst, der Städter auf das Geld und die Gesellschaft gewiesen. Deshalb habe der Landmann auch sich selbst verteidigt, während der Städter Söldner gedungen habe. Deshalb tauge der Städter seiner Natur nach nicht zum Soldaten. Doch diese allgemeine Aussage könne auf Individuen keine Anwendung finden. In seiner Militärlaufbahn und vor allem während der Befreiungskriege habe er immer alle Offiziere ohne Rücksicht auf ihren Stand allein nach Leistung beurteilt. Abschließend wurde Marwitz persönlich: „Was nun insbesondere den Lt Goltz betrift, der mich länger kennt, als alle anderen Offz des Reg [. . .] und der als Offz sich dem Edelmann u Bauer näher fühlen müßte als dem Stadtbürger, so hätte selbiger, da ihm die Ehre widerfuhr, an meine Tafel gezogen zu werden, mir auch so viel Conduite zutrauen sollen, daß ich ihm keine Albernheiten würde ins Gesicht sagen wollen, und daher voraussetzen, daß der Sinn meiner Rede tiefer lag, wenn er ihn gleich nicht verstand. – Daß er sich nun gar veranlaßt findet, seine Dienste bei der Grenzregulirungs-Comißion, als Rechnungsführer, Adjudant, im Kriege, u wie er Orden erhalten, aufzuzählen, und durchblicken zu laßen, daß er mich auch wohl hätte herausfordern können, - darauf habe ich gar nichts zu erwiedern.“
Marwitz ging offenbar ernsthaft davon aus, dass Goltz diese Zurechtweisung einstecken und aufgeben werde. Doch der Leutnant ließ sich nicht entmutigen und bat um Einschaltung höherer Stellen. Marwitz stimmte zu, beantragte dort nun aber seinerseits die Verurteilung Goltzs wegen eines Subordinationsfehlers, weil der angekündigt hatte, bis zum Ausgang der Sache nicht im Glied zu erscheinen, wenn Marwitz vor der Front auftauche. Außerdem trommelte Marwitz alle bürgerlichen Offiziere des Regiments – außer Goltz – zusammen, um ihnen den Sinn seiner Worte zu erläutern, ihnen seine Wertschätzung zu versichern und sie zu fragen, ob jemand Goltzs Eingabe beitreten wolle. Es fand sich niemand.
Als der Kommandierende General in Brandenburg und Pommern, General von Tauentzien, die Unterlagen erhielt, ließ er die kriegsgerichtliche Untersuchung anlaufen, informierte aber sofort Marwitzs unmittelbaren Vorgesetzten General Brause über des Königs „allerhöchstdero Mißfallen“ über den „ganz höchst unangenehme[n] Streit“. 19 Regimentskommandeur Kracht hätte die erste „schon ganz unpaßende und vorschriftwidrige Aufforderung“ Goltzs gar nicht erst annehmen sollen. Dann hätte auch Marwitz keine Gelegenheit „zu seiner das Verhältniß des Brigade-Kommandeurs gegen den Premier-Leutnant Goltz gleichfalls verpaßenden Antwort“ gehabt. Während der Untersuchung verkeilten sich Marwitz und Goltz noch einmal ineinander, Injurienklagen ergänzten den Fall. Während des laufenden Verfahrens wurde Goltz auf Vorschlag von Krachts befördert. Das schmerzte Marwitz zusätzlich. 20 Ein knappes Jahr später bestätigte der König das kriegsgerichtliche Urteil: keine Injurien feststellbar, drei Monate Festungshaft für Goltz „wegen Subordinations widrigen Benehmens“, ein königlicher Verweis an Marwitz, „daß ich eine Äußerung sehr mißbillige, die zu keiner Zeit angemessen war und am wenigsten jetzt, nachdem alle Stände ohne Unterschied so ehrenvoll für das Vaterland gekämpft haben. Ich erwarte von ihm, daß er sich in der Folge ähnliche Übereilungen nicht mehr zu Schulden kommen lassen wird.“ 21 Die Wendung „alle Stände ohne Unterschied“ ist für die Zeit um 1800 bezeichnend: Die Existenz von Ständen wurde nicht bestritten. Im Kampf für das Vaterland in der preußischen Armee seien sie aber ununterscheidbar gewesen, und an diese Nichtunterscheidbarkeit solle die preußische Armee im Dienstalltag anknüpfen, ohne daraus ein Ende der ständischen Ordnung insgesamt herzuleiten.
Marwitz setzte sich für eine Verkürzung der Haftzeit Goltzs auf einen Monat ein – was geschah 22 –, und bot seinem Widersacher einen Ausgleich in der zwischen den beiden strittig gebliebenen Injuriensache per Duell an. Er fürchtete um seine eigene Karriere – das „Gerede der Unkundigen“ könne ihm schaden, wenn er einem bürgerlichen Offizier Privatsatisfaktion verweigere. 23 Seiner Ansicht nach konnte man allerdings nur entweder Privatsatisfaktion oder kriegsgerichtliche Untersuchung haben. „Ich für meinen Theil werde mich ihm hierinn nicht gleichstellen. Er kann nach Belieben schießen, ich werde nicht wieder schießen, denn für mich ist die Sache durch richterlichen Ausspruch beendigt.“ Das Duell fand schließlich nicht statt. Vor der Festungshaft war die Zeit zu knapp, nach der Festungshaft war zunächst Goltz zurückhaltend, dann hatte Marwitz keine Lust mehr. „Ich bin nicht dazu da, um mich mein ganzes Leben hindurch mit den sonderbaren Launen dieses Menschen zu plagen.“ 24
2. Mahlzeit in Königsberg, Sommer 1838
Die zweite Mahlgeschichte spielt 20 Jahre später in Königsberg. Im Sommer 1838 war dort Hauptmann von Gabain mit anderen Offizieren an die Tafel des Prinzen Friedrich von Hessen geladen worden. In seinem Regiment herrschte Unruhe, denn es sollte von Memel nach Pillau versetzt werden, was, so Gabain, „uns Verheiratheten, durch das ewige Wechseln der Schulen in der Erziehung unserer Kinder, und auch in anderen Verhältnissen sehr derangirte“. 25 Prinz Friedrich habe versucht, mit einem grundsätzlichen Hinweis Klarheit zu schaffen: „Der Soldat müsse überall hingehen, wohin der König es für gut halte, ihn zu schicken.“ Die österreichische Armee beispielsweise wechsle ihre Quartiere in jedem zweiten Jahr! Hauptmann von Gabain, der älteste der Offiziere, erinnerte sich, während des Essens widersprochen zu haben. Er habe einen solchen Umzug der österreichischen Armee 1815 in Troppau gesehen und bemerkt, „daß den Verheiratheten jeder Charge, nach Maßgabe dieser, Vorspann von einem Nachtquartier zum anderen gegeben werde, wo dann die Frau Hauptmann oder auch Frau Sergeant bloß ihre Betten und Wäsche, und vor allem ihre Familie herauflade, mit marschire und Quartier bezöge; am Ruhetag hielt der gleichfalls mitgehende Regiments Schulmeister wie zur Zeit Wallensteins, seine Schule, woran die Kinder des Regiments Inhaber, so wie der gemeinen Soldaten, Theil nehmen, indem dort noch der fromme Grundsatz der Alten gelte: Christum lieb haben ist besser als alles Wissen.“ In Preußen hingegen seien die Zeiten Wallensteins und der Regimentsfamilie vorbei. Familien seien selbst verantwortlich und Bildungspatente eine Bedingung für das Fortkommen. Der Adelstitel allein helfe den Kindern von Offizieren nicht mehr. „Bei uns heißt es aber anders, denn da muß man, um auch die Charge eines Unteroffiziers zu erlangen, ein Examen bestehen.“
Nach Ende seiner Gegenrede habe Gabain sich unwohl gefühlt. „Sr. Durchlaucht sahen mich, wie es schien, nicht gnädig an, und ältere Kameraden sagten: ‚Das hast Du nicht gut und den Prinzen Dir zum Feinde gemacht!‘“ Kein Jahr später war Gabain zur Disposition gestellt, offiziell wegen Dienstunfähigkeit. Das sei eine „schreckliche Katastrophe“, schrieb er, und aus seiner Perspektive hatte er recht. Nicht nur die Zukunft seiner zehn Kinder, sondern auch die der sieben noch lebenden Kinder seines verstorbenen nächstälteren Bruders hingen von seinen militärischen Verbindungen ab. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts lebten in Preußen „tausende Adelsfamilien von den Soldzahlungen, die ihnen aus zivilen und militärischen Ämtern zuflossen oder von Pensionen und Unterstützungen, die ihnen gnadenhalber bewilligt wurden. [. . .] Der preußische Staat war [. . .] in großem Maße zum Ernährer ganzer Adelsfamilien geworden, die – entgegen adeliger Leitbilder – in großem Maße lohnabhängig waren“. 26 Auch die Gabain-Familie hatte jede Verbindung zum Grundbesitz verloren und finanzierte sich allein durch Unterbringung ihrer Söhne im preußischen Militär oder, falls das nicht möglich war, in anderen Ämtern. Gabains ältester Bruder ging, nachdem er im Kampf in Pommern 1807 ein Auge verloren hatte, in den Forstdienst und brachte es bis zum Oberförster am Rhein. Seine drei Söhne gingen wieder in die preußische Armee. Gabains nächstälterer Bruder hatte 1823, wohl an Spätfolgen der Verletzungen des Befreiungskrieges leidend, den Militärdienst quittiert. Er musste „sich 3 Jahre in der niedrigsten Sphäre des Steuerdienstes herumplagen und gelangte endlich, erst 1826, durch Euer Königliche Hoheit allergnädigste Verwendung bei dem verstorbenen Finanzminister v. Motz zum Ober-Controlleur“. 27 Lange konnte er sich des nun standesgemäßen Postens nicht erfreuen: „Sorgen (denn er hatte auch zehn Kinder), Fatiguen und seine Wunden legten ihn 1831 auf die Bahre.“ Für die sieben 1831 noch lebenden Kinder musste nun der jüngste Gabain sorgen. Seine Aufgabe erledigte er nach eigenen Angaben gut. Die ältesten drei Söhne hätten bereits wieder den Weg ins Militär gefunden.
Im Wortgefecht zwischen dem Prinzen von Hessen und dem Hauptmann von Gabain ging es für den Prinzen um Pflicht, Gehorsam und die Funktionsfähigkeit der Armee, was an der Tafel nicht in Zweifel gezogen werden durfte. Gabain hingegen sah durch die häufigen Versetzungen die Zukunft seiner Familie in Gefahr. Außerdem rieb er sich daran, dass die Aufstiegschancen an standes- und netzwerkunabhängige Bildungspatente geknüpft waren statt an Regimentskontakte und Adelsprivilegien. Ohne Land und repräsentative Lebensweise waren die einzigen Trümpfe seiner Familie der Adelstitel und die Verdienste für König und Vaterland. Durch sie glaubte Gabain einen Anspruch auf Versorgung für seine Generation und Anstellung für seine Kinder zu haben. Im Zentrum der Eingabe Gabains standen daher die Verdienste seines Vaters, seiner Brüder und seiner eigenen Person seit den unglücklichen Schlachten von Jena und Auerstedt. Sie endete mit der Schilderung des unglücklichen Mahls und bat um „Wiederanstellung in der Armee, und bis diese erfolgt ist, durch ausnahmsweise huldvolle Verleihung der Pension für 30 Dienstjahre“. „Euer königliche Hoheit sind meine letzte Hoffnung, schwindet die, so kann und mag ich nicht mehr leben“, heißt es zum Schluss. Aus der Tatsache, dass die Darstellung dem König 1842 erneut vorgelegt wurde, können wir schließen, dass Gabain sein Leben lieber war als er 1839 angegeben hatte. Doch über sein ferneres Schicksal wissen wir nichts.
3. Mahlzeiten im Vergleich
Beide Geschichten haben den institutionellen Mechanismus des gemeinsamen Essens von hierarchisch differenzierten Militärangehörigen gemeinsam. Der gesellige Anlass ermöglichte Kontakt und Kommunikation über Hierarchieebenen hinweg – an der Friedersdorfer Tafel saß zwischen Marwitz und Goltz, so erfahren wir zwischendurch, nur ein Unteroffizier, und auch Gemeine waren geladen, sofern sie in den Befreiungskriegen das Eiserne Kreuz errungen hatten. 28 Die Hierarchieebenen waren aber nicht aufgehoben, wie Goltz und Gabain schmerzlich erfahren mussten. Der Einladende und hierarchisch Herausragende brachte grundsätzliche Überlegungen in das Tischgespräch ein. Die Kunst der Gäste lag darin, diese Überlegungen geistvoll zu verarbeiten, ohne in Konfrontation mit dem Gastgeber zu geraten. Der konnte seinen Ausspruch ja nicht mehr zurücknehmen, ohne das Gesicht zu verlieren, war aber andererseits durchaus neugierig auf die Reaktion seiner Umwelt. Die Eskalation ergab sich in beiden Fällen daraus, dass rangniedrigere Offiziere frontal dagegenhielten, anstatt das Thema zu umspielen. Sie taten dies nicht aus Unwissenheit oder Unverständnis, sondern aus nackter Not. Ihre Existenz stand auf dem Spiel, die der Generäle nicht. Ständische Rechtspositionen besaßen für Goltz wie für von Gabein eine ganz andere Bedeutung als für von der Marwitz oder den Prinzen Friedrich von Hessen.
Vordergründig ging es in beiden Situationen um das Verhältnis von Adel und Bürgertum im preußischen Militär. Das Thema war sensibel, weil die bürgerliche Öffnung des Offizierskorps zu den Kernelementen der preußischen Reformen gehörte. Doch adlig-bürgerlich war nicht die einzige Differenz, die an der Tafel ausagiert wurde. In beiden Essenssituationen und den jeweils nachfolgenden Szenen nutzten die Akteure immer wieder den Begriff „Stand“. Sie bezeichneten damit unterschiedliche Dinge: den Adels- und den Bürgerstand, den Militärstand, unterschiedliche Adelsränge usw., und sie wurden problemlos verstanden. Stand konnte offenbar situationsbezogen und/oder kontextbezogen unterschiedliche Rechts- und Sozialpositionen bezeichnen. Ordnungen konnten in ganz unterschiedlicher Weise ständisch sein. Doch die Flexibilität der Leitidee „Stand“ ging verloren, wenn sie konkretisiert und mit Ansprüchen verbunden wurde. Genau diese Konkretisierung forderten Goltz und von Gabein ein, und sie taten es, weil für sie die konkrete Bedeutung lebenspraktisch wichtig war. Ein bürgerlicher Offizier wie Goltz unterschied sich in seinen wirtschaftlichen Verhältnissen wahrscheinlich nur wenig vom Hauptmann von Gabain. Auch ihre Karrieren waren, bedenkt man das jeweilige Alter, nicht sehr verschieden. Eigentlich unterschied sie nur ihr adliger bzw. bürgerlicher Stand. Was aber bedeutete das genau? Letztlich war das die Frage, die die beiden an der Tafel zur Sprache brachten. Und es spielte auch in den Diskussionen danach eine Rolle: Durfte, konnte oder musste ein adliger Offizier darauf eingehen, wenn ein bürgerlicher Offizier ihn zum Duell forderte oder dessen Verhalten eines anbahnte? Marwitz und Goltz waren da 1817 nicht ganz sicher. Welche Art von Geltung besaßen Hierarchieebenen im geselligen Diskurs? Die Antworten fielen regional und zeitlich verschieden aus. Nicht für alles gab es Vorschriften, und wenn es Vorschriften gab, waren sie nicht in jeder Situation anwendbar. Das Duell etwa war verboten, und doch konnte die Ablehnung einer Duellforderung soziale Ächtung bedeuten. Die bürgerliche Öffnung des Offizierstandes musste im Alltag mit anderen Differenzierungslinien abgeglichen, kleingearbeitet, erprobt, ausgehandelt werden. Unsere beiden Situationen ragen heraus, weil hier die Aushandlung nicht gelang. Die jeweils angerufenen höchsten Stellen entschieden in beiden Fällen zugunsten von militärischer Disziplin, aber auch zugunsten von Leistung und Dienst gegenüber der Geburt. Das passt zu neueren Forschungen, die zeigen, dass königliche Gnadenerweise in Form von Geldzahlungen in Preußen im späten 18. und 19. Jahrhundert nach staatsbezogenen Kriterien des Dienstes bzw. der im Dienst erbrachten Opfer vergeben wurden. 29 Das Kriterium Adeligkeit trat dagegen zurück. Schauen wir auf die oben vorgestellten Essenssituationen, so kann man beim deutlich schlechter dokumentierten Gabain-Fall allerdings auch den Eindruck gewinnen, dass Prinz Friedrich von Hessen in jedem Fall geschützt werden musste. Der Hochadel wurde von der Neuverhandlung der Stände und Standesgrenzen wohl nicht berührt.
4. Selbstnobilitierung
Die Mahlsituationen von Friedersdorf 1818 und Königsberg 1838 weisen darauf hin, dass Adel und Bürgertum weit in Sozialmilieus hineinreichten, die ihren Spitzenvertretern fremd waren. Dort, etwa beim Militär, gewannen ständische Rechtspositionen eine andere Bedeutung: Ständeübergreifende Geselligkeit konnte hier als Bedrohung (Aufgabe essentieller Rechtspositionen, von Gabein) oder – anders herum – als Chance (Überwindung ständischer Barrieren, Goltz) verstanden werden. In Bezug auf „Stand“ agierten die mahlhaltenden bürgerlichen und adeligen Militärs, wie wir oben gesehen haben, daher oft anders als es Selbstauslegungen prominenter Vertreter nahelegen würden. Sie nutzten konkurrierende und meist ausdeutungsfähige Ordnungen, um auf kurzfristige Chancen und Gefahren zu reagieren. Manchmal thematisierten sie ihre Bezugnahmen, manchmal hoffen sie, stillschweigend durchzukommen. So trugen sie zur ständigen Veränderung von Ordnungen bei. „Stand“ etwa wurde als flexibler Marker von Ungleichheit – die nicht ökonomisch grundiert sein musste – verstanden und entsprechend an jeweilige Bedürfnisse angepasst.
Ich will das kurz an einer in unserem Zusammenhang zu Unrecht unterschätzten sozialen Handlung zeigen: der Selbstnobilitierung. Historische Forschung hat sich gelegentlich für offizielle Nobilitierungsakte interessiert. 30 In Adelslandschaften wie der preußischen, wo ein in sich wenig differenzierter Niederadel dominierte, dürfte aber die Selbstnobilitierung numerisch viel wichtiger gewesen sein als die fürstliche, auch wenn sie naturgemäß schwerer nachweisbar ist. Die wenigsten Menschen schreiben auf, dass sie sich soeben selbst geadelt haben. Einige Hinweise gibt es aber doch: Im Jahr 1880 eröffnete Franz von Bonin, Sohn des Gaslaternenanzünders Otto von Bonin, einen Friseurladen in Zerbst. Zu dem Projekt hatte der Familienverband der Bonins mehrere hundert Mark beigesteuert, unter der Bedingung allerdings, dass Franz „sowohl in seinem Geschäfte, wie im Privatleben das Adels-Prädikat ablege“. 31 Das Projekt scheiterte, ebenso wie die Ehe, die Franz von Bonin zur gleichen Zeit einging. Der unglückliche Franz, der schon im Waisenhaus, beim Militär und in der Försterei einen schlechten Eindruck hinterlassen hatte und immer wieder krank war, starb 1884. Der Familienverband nannte ihn in seiner Todesnachricht im Protokoll der Familienversammlung wieder Franz von Bonin. 32 Franz von Bonin entadelte sich also selbst und wurde von seiner Familie später wieder geadelt, ohne dass je ein offizieller Akt erfolgt wäre.
Gottfried vom Stein, jüngerer Bruder des berühmten Reichsfreiherrn, floh 1792 hoch verschuldet aus Karlsruhe und lebte danach unter dem Namen Salzer in Hamburg und Bremen. Von dort aus meldete er sich 1814 bei seinem nunmehr berühmten Bruder und bat um Unterstützung. Sie wurde ihm unter der Bedingung gewährt, dass es beim Namen Salzer verbleibe. 33 Als Gerhard Scharnhorst 1801 über den Wechsel von der hannoverschen in die preußische Armee verhandelte, wollte er unbedingt einen Adelstitel: „Man sagt mir, daß de[r] Umstand, nicht von Adel zu seyn, der künftig[e]n Placir[un]g meiner Söhne in preußish[e]n Diensten große Hinderniße in den Weg legen könne. Obwohl ich nichts we[n]iger als von Adel bin, so habe ich doch einen adelichen Gut u. auch Sitz und Stimme auf dem Landtage; auch mein Vater ist Officier gewesen. Könnte ich daher nicht in Rücksicht dieser Umstände u. meines militärishen Characters von dies[em] Gute, d.h. v.S. mich schreiben?“ 34 Scharnhorst war unsicher, ob er mit dieser Selbstnobilitierung durchkommen würde. Er musste es nicht versuchen; der Adelstitel wurde Teil des preußischen Vertragsangebots, das er dankend annahm. 35 Carl von Clausewitz wagte den Versuch und gewann. Er wurde wie zwei seiner Brüder als Adliger in die preußische Armee aufgenommen, nachdem sein Vater wegen zweifelhafter Herkunft aus dem Offizierskorps entfernt worden war. 36 Die preußische Armee war um 1800 in diesen Dingen großzügiger als Sophie von Brühl, seine spätere Schwiegermutter. Die verweigerte jahrelang ihre Zustimmung zur Heirat Carls mit Marie von Brühl, und verwies dabei nicht nur auf seine materielle Armut, sondern auch auf seine zweifelhafte Herkunft. 37 Dass sie am Ende den hartnäckigen Bitten ihrer Tochter nachgab, war ein Glück. Denn Marie von Brühl haben wir es zu verdanken, dass wir heute überhaupt Clausewitz-Schriften lesen können. Eigentlich hätte ihre Mutter, Sophie von Brühl, von Anfang an großzügiger sein können. Sie war selbst bürgerlicher Herkunft: Tochter eines englischen Diplomaten namens Gomm. Und sie war die Schwiegermutter Friedrich August Ludwigs von der Marwitz, dem Gastgeber des Friedersdorfer Gastmahls. Marwitz unterhielt mit seiner Schwägerin Marie von Brühl eine zunächst herzliche, später auch spannungsreiche Beziehung und thematisierte den eher zweifelhaften Adel seines angeheirateten Schwagers Carl nicht. Für Marwitz war, wie wir gesehen haben, der Gegensatz zwischen Adel und Nicht-Adel ohnehin weniger bedeutend als der zwischen Land und Stadt beziehungsweise zwischen Bauern und Bürgern.
Nun waren natürlich die Verhältnisse in der preußischen Adelslandschaft wesentlich unübersichtlicher als etwa in der münsterländischen, über die Heinz Reif seine berühmte Pionierstudie geschrieben hat. 38 Stiftsadelige und ritterschaftliche Gruppen, bei denen Zugehörigkeit über den Zugang zu knappen Gütern entschied, haben insgesamt mehr Wert auf die Dokumentation ihrer adligen Herkunft gelegt als große niederadlige Verbünde ohne spezifische Bevorrechtigungen wie die preußische. Gerade dieser Vergleich zeigt aber, wie eine Untersuchungsstrategie, die bei Situationen und Praktiken ansetzt, Unsicherheit in Bezug auf die soziologischen Großkonzepte der Neuzeit entstehen lässt und zu Differenzierungen und Graufärbungen auffordert. Der Adelsstand war schon vor 1800 regional und sozial sehr differenziert und hatte – jedenfalls in Preußen – sehr unscharfe und sehr breite Ränder. Es gab Eintritte und Austritte unterhalb offizieller Anerkennung, die mehr oder weniger hingenommen wurden. Es gab große ökonomische und soziale Unterschiede, die eine pauschale Zuordnung des Adels zur Oberschicht verbieten. 39 „Die [. . .] für die Frühe Neuzeit bereits bekannte Mobilität am unteren Rande des Adels kannte [. . .] auch nach 1800 eine Fortsetzung, sie verstärkte sich in Krisenzeiten, vollzog sich meist im Stillen und war daher auch nicht steuerbar.“ 40
5. Perspektiven einer fragmentarischen Adelsgeschichte
Die konfliktreichen Aushandlungen verschiedener Adelsvorstellungen mit anderen ständischen Modellen in Friedersdorfer und Königsberger Essenssituationen und Essenspraktiken haben eine diffuse Gemengelage ständischer Vorstellungen zur Grundlage. Wie im Falle der Selbstnobilitierungen wird weniger ein dramatischer Bruch um 1800 deutlich als eine ständige Aneignung und Aktualisierung verschiedener konkurrierender Ständevorstellungen. 41 Wie Christof Dipper nach begriffsgeschichtlichen Erkundigungen vorgeschlagen hat, zeigt sich um 1800 ein Bild des „Wandels, der freilich Verdichtungszonen und Beschleunigungsvorgänge enthält“ – wobei die Aufgabe darin besteht, diese „Verdichtungszonen und Beschleunigungsvorgänge“ regional, sozial und situational genauer zu bestimmen. 42 Situationen und Praktiken weisen auf die Fragilität sozialer Ordnung und deren ständigen Weiter-, Um- und Neubau hin. An dieser konstruktiven Alltagsaufgabe nahmen Marwitz, Goltz, Prinz Friedrich von Hessen, Gabain, die Bonins, Scharnhorst, Clausewitz und die vielen anderen teil, und zwar um 1800, in den 1830er und sogar noch in den 1880er Jahren. Dabei war im Alltag viel mehr Flexibilität möglich als Rechtstexte und Selbstauslegungen herzugeben scheinen. Die (ständische) Gesellschaft des 18. und frühen 19. Jahrhunderts war wesentlich mobiler als die Forschung annimmt. Als Übergangsphase zwischen als stabil angesehenen Ordnungen lässt sich die Zeit um 1800 ausweislich der hier vorgestellten Befunde eher nicht konzeptualisierten.
Das führt in der Adelsgeschichte zum Plädoyer, nicht die großen Familien und Einzelpersonen für repräsentativ zu halten, sondern das Fragmentarische lieben zu lernen. In den Fragmenten scheinen Aushandlungen und Konflikte um Ordnungen auf, die allesamt ständisch genannt werden und doch sehr verschieden sind. Adelige traten um 1800 wohl eher nicht den Weg aus der ständischen Gesellschaft heraus an und sie bauten wohl auch eher nicht eine neuständische Gesellschaft auf. Viele von ihnen hatten vielmehr bereits in der Gesellschaft vor 1800 unständisch, randständisch oder virtuos vielständisch gehandelt, um leben und erfolgreich sein zu können. Um 1800 scheinen Adelige diese Flexibilität vergrößert zu haben. Gegenreaktionen blieben nicht aus, wie die aus dem Ruder laufenden Gastmähler in Friedersdorf und Königsberg zeigten. Die Gesellschaft um 1800 war von vielfältigen ständischen Ideen geprägt, die in Situationen und Praktiken immer wieder neu gestaltet wurden. Die Adelsgeschichte sollte das Fragmentarische liebgewinnen und sich auf die Bruchstücke der vielen adligen Leben jenseits der repräsentativen Spitzenvertreter konzentrieren. Dann wird sie in der Lage sein, „Verdichtungszonen und Beschleunigungsphasen“ der Aushandlung ständischer Ordnungen genauer zu bestimmen.
Footnotes
Förderung
Der Verfasser bzw. die Verfasserin dieses Artikels hat keinerlei Vergütung für die Recherche, das Verfassen und/oder die Veröffentlichung dieses Textes erhalten.
